Austausch mit der "Lebens"mittel-Industrie
Wie reagieren grosse Detailhändler und Snack-Hersteller, wenn man sie mit ihren unnötigen Zusatzstoffen konfrontiert? Ich teile meine Erfahrungen.
Alles begann mit der Installation der Yuka-App. Diese unterstützt Konsumenten bei der Einschätzung der Produkt-Güte vor dem Kauf: Einfach den Strichcode der Verpackung scannen und schon tauchen die Hinweise zu Zusatzstoffen, Kalorien-, Zucker- und Salzgehalt auf. Yuka ist eher streng, sprich: vorsichtiger, als die geltenden Lebensmittelvorschriften. Sie gilt aber aufgrund ihrer Unabhängigkeit als seriös.
Weil wir unseren Kindern auch ab und zu Snacks in die Pausenbox mitgeben, interessierte mich deren Zusammensetzung besonders. Also habe ich mal ein paar “verdächtige” Verpackungen gescannt.
Fall 1: Chio “Jumpy’s Paprika”
Die witzig geformten Kängurus mit Paprikageschmack sind aufgrund ihrer Form für Kinder sehr anziehend. Sie schmecken sehr lecker und haben einiges Suchtpotenzial.
Nebst zwei risikofreien meldet die App auch einen “High-Risk”-Zusatzstoff: E471 (Mono- und Diglyceride von Fettsäuren). Die Risiken gemäss App:
krebsverdächtig
erhöhtes Risiko von Herz- und Herzgefässkrankheiten
Schwächung des Immunsystems
Schädigung der Darmflora und der Darmbarriere (Risiko von Darmentzündungen)
Die App listet 11 wissenschaftliche Quellen auf, die zur “High-Risk” Bewertung führen.
Ich habe einige der Studien gelesen und nachträglich auch noch claude.ai um eine Einschätzung gebeten - mit einiger Entwarnung, ausser bei einem Punkt:
Da Glycidylfettsäureester potenziell genotoxisch und karzinogen sind, wurden ab 2024 Höchstmengen von 5 mg/kg für die Verwendung in Lebensmitteln für Säuglinge und Kleinkinder und 10 mg/kg für andere Lebensmittel festgelegt (mit Übergangsfristen). Das bedeutet: Die Behörde hat ein Problem erkannt und nachgesteuert – aber erst nach Jahren der Zulassung.
Die Migros, welche auf migipedia.migros.ch auch Produktfragen beanwortet, hat wohl noch nicht mitbekommen, dass seit 2024 Höchstmengen eingeführt wurden. Sie schreiben (Auszug):
Vielleicht ist auch nur der Bund langsam mit dem Nachvollzug dieser Beschränkungen. Jedenfalls scheint es fraglich, warum man gerade Kindern solche Zusatzstoffe, auch wenn in kleinen Mengen, in die Znünibox legen sollte.
Fall 2: Zweifel “Snacketti Paprika Claws”
Auch diese Knusprigkeit spricht Kinder an, weil sie - besonders bei der Markteinführung an Halloween - natürlich “schrecklich” ungeheuerlich wirken.
Aber eigentlich wird es erst ungeheuerlich, wenn man den Zusatzstoff “Raucharoma” näher betrachtet, der in diesem Produkt verwendet wird. Yuka meldet:
Raucharomen, egal ob natürlich oder synthetisch, bergen genotoxische, karzinogene, mutagenetische und reproduktionsabhängige Toxizitätsrisiken, wie mehrere öffentliche Gesundheitsbehörden weltweit bestätigen. In der EU wurden sie 2024 verboten.
Cool down, denke ich und frage die KI, von der ich mir (naiv?) erhoffe, sie sei ein wenig neutraler. Aber ich bin nur noch beunruhigter. Claude.ai referenziert ein EFSA-Gutachten von 2023 und erläutert:
Nach einer Neubewertung der EFSA im Jahr 2023 wurde festgestellt, dass sechs der acht untersuchten Raucharomen Substanzen enthalten, die das Erbgut schädigen können – insbesondere die Verbindung Furan-2(5H)-on, die nachweislich in lebenden Organismen genotoxisch wirkt. Diese DNA-Schädigungen können potenziell zu Krebs oder vererbbaren Erkrankungen führen. Stuttgarter Zeitung
Das Kritische: Auf der Grundlage der verfügbaren wissenschaftlichen Erkenntnisse konnten die Sachverständigen für keines der acht Raucharomen Bedenken hinsichtlich der Genotoxizität ausschliessen.
Ich melde mich bei der Zweifel-Konsumentensupport Hotline, wo ich gebeten werde, eine Mail zu schicken, hier meine Anfrage:
Sehr geehrte Zweifel Produkt-Manager
ich bin ziemlich schockiert. In Ihrem neuen Produkt “Snacketti Paprika Claws” verwenden Sie ein Raucharoma als Zusatzstoff.
Dieser Zusatzstoff ist gut wissenschaftlich untersucht und als genotoxisch, kanzerogen, mutagenisch und reproduktionstoxisch eingestuft worden. In der EU sind solche Raucharomen seit 2024 deshalb verboten (mit einer Implementationsperiode von 2-5 Jahren, abhängig vom Produkttyp).
Ich würde gern verstehen, weshalb Zweifel die eigenen Kunden derartigen Risiken aussetzt.
Hier die Liste der relevanten Studien, welche die Schädlichkeit belegen (und die Ihre Produktsicherheits-Abteilung eigentlich kennen sollte):
https://echa.europa.eu/fr/substance-information/-/substanceinfo/100.005.358 (2025)
https://mobil.bfr.bund.de/cm/349/smoke-flavourings-in-food.pdf (2024)
https://monographs.iarc.who.int/wp-content/uploads/2019/02/List_of_Classifications.pdf (2019)
https://openknowledge.fao.org/items/7d40394f-c088-4b77-8128-053fe759af31
plus 4 weitere Studien, die ich nicht auch noch verlinke. Ich denke, Sie werden erkennen, dass dieser Zusatzstoff nichts in einem hochwertigen Produkt verloren hat.
Gerne erwarte ich Ihre Stellungnahme dazu.
Die Antwort liess nicht sehr lange auf sich warten, ist aber nicht eindeutig. Keine Ahnung, ob sie die Rezeptur anpassen werden, oder nicht. Sie schreiben:
Raucharomen werden in der Lebensmittelherstellung breit eingesetzt, v.a. bei Fleisch, Fisch und Milchprodukten. Das erwähnte Raucharoma wird für Chips und Snacks in geringer Konzentration eingesetzt. Bis dato galten die bewilligten Raucharomen als sichere Zusatzstoffe für den Einsatz in Lebensmittel in kleiner Dosierung. Selbstverständlich nehmen wir das Lebensmittelrecht sehr ernst und beobachten entsprechende Änderungen und Neubewertungen laufend. In Anbetracht dessen arbeiten wir seit geraumer Zeit an Lösungen mit dem Ziel, unsere Rezepturen so anzupassen, dass wir die Lebensmittelkonformität weiterhin einhalten, aber auch unseren qualitativen Ansprüchen gerecht werden. (Hervorhebungen durch mich)
Was sagt man dazu?
Ich nur noch eins: solche Snacks landen bei mir künftig weder auf dem Apérotisch, noch in der Znünibox.



